Kommunalpolitik: drinnen Debatte, draußen Realität. Maya Sommer (Grüne) (l.) und Alex Matthiesen (SPD), beide 26, sind die Jüngsten im Recklinghäuser Rat.
Wir sprachen über: Drama im Haushalt, Coming-of-Age im Plenum und darüber, was Recklinghausen bräuchte, damit 16 bis 18 nicht die vergessene Altersklasse bleibt.
Wenn der Stadtrat ein Filmgenre wäre – welches wäre Recklinghausen:
Maya Sommer: Spontan: ein Drama – vor allem wegen der Kommunalfinanzen: hohe Schulden, kaum Spielraum. Du erklärst ständig, warum etwas nicht geht – obwohl du’s willst.
Alex Matthiesen: Ich verstehe den Impuls, aber ich will weg vom reinen Drama. Ich sehe es als Coming-of-Age: Man entwickelt sich, arbeitet trotz Unterschieden zusammen und kommt im Rat aufeinander zu.
Wann habt ihr entschieden: Nicht meckern, sondern mitentscheiden?
Sommer: 2018, mit Fridays for Future und dem Erstarken der AfD. Da war klar: nicht nur empört sein, sondern in einer demokratischen Partei mitarbeiten und Verantwortung übernehmen.
Matthiesen: Das war ein Prozess: jahrelang Schülervertretung, danach war’s logisch, weiterzumachen. Wer hier lebt, arbeitet und den ÖPNV nutzt, bringt eine Perspektive mit, die in Entscheidungen rein muss.
Welche Debatte hat euch zuletzt überrascht?
Matthiesen: Die Rettungsdienstgebühren. Mich hat überrascht, wie schnell so ein formelles Thema richtig konkret – und richtig schwierig – wird. Das sind nicht nur Gebühren, sondern eine Gerechtigkeitsfrage.
Sommer: Der Masterplan Altstadt. Ich dachte, es wird eher technisch – aber da hängen so viele Interessen dran, und Stadtentwicklung ist auch emotional. Ich war positiv überrascht, dass das in dieser Zeitlinie wirklich geklappt hat. Jetzt steht das Konzept – und dann geht’s ja weiter.
Wenn ihr Recklinghausen mit einem Geschenk sofort jugendfreundlicher machen könntest – was wäre es?
Sommer: Mehr Zugang in die Politik. Digitale Ratssitzungen und Beteiligungsformate. Einfach reinklicken und merken: Ah krass, das betrifft mich. Andere Ruhrgebietsstädte haben das seit Jahren.
Matthiesen: Bei Jüngeren ist viel gut abgedeckt, aber zwischen 16 und 18 ist ein Loch. Rausgehen, konsumfrei, ohne direkt Geld auszugeben? Schwierig. Palmkirmes, Feierabendmarkt, Essen gehen, alles kostet. Gleichzeitig gibt es viele Kinder im SGB-II-Bezug. Mein Geschenk: Quartiersmanagement in jedem Stadtteil. Die, die wir haben, machen 1A-Arbeit. Darüber entstehen Angebote genau da, wo die Leute wohnen.
Welches Vorurteil über deine Generation begegnet euch immer wieder?
Matthiesen: Dass uns Ahnung fehlt. Ich halte dagegen: Man wächst mit seinen Aufgaben. Ich wohne hier, ging hier zur Schule, arbeite hier; bin mit Auto und Bus unterwegs. Ich sehe die Probleme. Das ist nicht weniger wert, weil man jünger ist.
Sommer: Erfahrung ist nicht alles, sondern auch frischer Wind. Wir sagen: Ey, lass uns das doch mal anders machen. Schneller, moderner, digitaler. Zum Beispiel beim Thema Social Media. Für viele ist das der Ort, an dem sie Politik überhaupt erstmals wahrnehmen.
Recklinghausen in drei Schlagworten?
Sommer: Kulturliebe, grüne Ecken, Ruhrgebiets charme.
Matthiesen: Zuhause, Treffpunkt, Wandel.
Wo geht ihr hin, wenn ihr mal ein Reset braucht?
Sommer: Die Innenstadt geht immer – hier ist richtig was los, und es wird auch schon super viel angeboten. Und wenn ich mal kurz raus will aus dem Trubel: Mollbeck. Ein bisschen Natur, Wasser, Kopf aus – perfekt.
Matthiesen: Ich bin leidenschaftliche Spaziergängerin – ich bin deshalb oft am Hohenhorst unterwegs. Da kann man einfach entspannt laufen. Und wenn’s um Essen geht, aber nicht mitten in der City: Vivos an der Dortmunder Straße.