Zum Inhalt springen
Was vom Hype bleibt
Foto: Marco Stepniak

Was vom Hype bleibt

Lesedauer: ca. 2 Min. | Text: Karoline Jankowski

Superfood, Proteinriegel, Detox-Kur: Alina Bettin erklärt, was hinter Ernährungshypes steckt – und warum einfache Lebensmittel oft die bessere Wahl sind.

High Protein, Detox, Superfood – im Regal und im Feed wird Essen zur Weltanschauung. Alina Bettin, Ökotrophologin im Geschäftsfeld Wohnen beim Diakonischen Werk im Kirchenkreis Recklinghausen, ordnet für uns Marketingclaims, Hypes und Influencer-Trends ein.

Kartoffeln auf die Eins

Chia, Açaí, Matcha: Klingt nach Wellness-Retreat, ist aber vor allem Marketing. „Superfoods werden oft eine besondere Wirkung zugesprochen.“ Gute Inhaltsstoffe haben sie, „problematisch ist, wenn daraus ein Heilversprechen gemacht wird“. Gerade der Vergleich von Chia- und Leinsamen zeigt, wie sehr das Image mitisst: Ernährungsphysiologisch sind beide sehr ähnlich. Nur hat Chia Bali-Vibes, Leinsamen die von Omas Müsli. Dabei ist die heimische Variante nicht nur deutlich günstiger, sondern kommt oft aus kürzeren Lieferketten, während Chia meist aus Lateinamerika importiert wird. Auch sonst stehen die regionalen Doubles direkt vor der Nase: schwarze Johannisbeeren statt Açaí, Hagebutte statt Goji, Grünkohl oder Brokkoli statt Spirulina. Alinas persönliches Allround-Lebensmittel ist ohnehin nicht exotisch, sondern bodenständig: die Kartoffel. Günstig, sättigend, vielseitig. Es fehlt nur die PR.

Protein und Contra

Protein ist überall. Im Riegel, Pudding, Brot oder Shake. Das wirkt im ersten Moment sportlich. Aber: „Bei einer ausgewogenen Ernährung muss ich mir keine Sorgen um einen Proteinmangel machen.“ Wer also ins Fitnessstudio geht und keine Bodybuilding-Karriere anstrebt, ist mit Spiegelei, Quark oder Hülsenfrüchten meist besser bedient als mit Proteinriegeln und Pulver. Der Bizeps wächst nicht vom Health-Claim, sondern durch Trainingsreiz, ausreichend Protein über den Tag und Regeneration. In nicht verarbeiteten Lebensmitteln kommt Protein im Nährstoffpaket, bei hochverarbeiteten Produkten isoliert und mit Aromen, Süß- oder Füllstoffen. Ein Proteinriegel zwischendurch kann zwar ein praktischer Energielieferant sein, bleibt unterm Strich aber eine Zuckerbombe, die sich sportlich gibt.

Jurassic Quark

Kinderprodukte sind strategisch eingesetzte emotionale Trigger. Vorne lacht ein Dino, daneben steht „mit Calcium“ oder „ohne Zuckerzusatz“. In den Inhaltsstoffen beginnt die Realität. „Abgesehen von spezieller Säuglingsnahrung brauchen Kinder im Grunde keine eigene Lebensmittelindustrie“, weiß Alina. Kinderjoghurt ist selten besser als Naturjoghurt mit Obst, dafür aber süßer, stärker verarbeitet und so gebaut, dass Kinder ihn wiederhaben wollen. Da liegt das Problem: „Wenn süß schon früh zum Standard wird, schmeckt normal irgendwann falsch.“ Na klar, pragmatische Lösungen wie Quetschies sind okay, solange sie Obst nicht dauerhaft ersetzen. Kinder sollten kauen, schmecken und Lebensmittel kennenlernen.

Absoluter Saftladen

Ein paar Säfte, etwas Fasten oder Entschlacken, und der Körper soll auf Werkseinstellung fahren. Klingt gut, nur funktioniert der Körper so leider nicht. Mit Leber, Nieren und Stoffwechsel ist das hauseigene Reinigungssystem bereits vorhanden. Begriffe wie „Schlacken“ sind wissenschaftlich außerdem nicht belegt. Dass Menschen sich nach einer Kur besser fühlen, liegt an den Rahmenbedingungen. Kein Alkohol, weniger Zucker, dafür mehr Wasser und Bewegung führen automatisch zu mehr Schlaf und Wohlbefinden. Bei Saftkuren kommt viel Obst in konzentrierter, flüssiger Form zusammen. Der Fruchtzucker gelangt schnell ins Blut, der Blutzucker steigt steil an, Insulin wird ausgeschüttet, dann folgt das Tief aus Müdigkeit und Hunger. Gleichzeitig fehlen Kauen, Textur und Magenfüllung als Signale für Verdauung und Sättigung.

Info Diakonisches Werk im Kirchenkreis Recklinghausen
Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen

Elper Weg 89
45657 Recklinghausen

www.diakonie-kreis-re.de

Artikel teilen:

Mehr aus Ihrem Vest: